Deutscher Export stärkt den Euro und sollte Vorbild für Europa sein
Im Streit um die wirtschaftliche Zukunft Europas wurde Deutschland mehrfach aufgrund der stark exportorientierten Wirtschaftspolitik kritisiert. Die großen Exportnationen, zu den auch Deutschland gehört, haben in den vergangenen Jahren fleißig Waren ausgeführt und Ersparnisse gebildet. Andere Nationen haben dem entgegen Konsum auf Pump realisiert und weisen daher hohe Leistungsbilanzdefizite auf. Deutschland hat in den letzten Jahren sehr erfolgreich gearbeitet, den Export gestärkt und somit nicht nur die deutsche Wirtschaft auf Vordermann gebracht sondern zugleich für die Stabilität des Euros gesorgt. Aus deutscher Sicht sei dies auch nicht zu kritisieren, da man die hohe Qualität deutscher Güter und den daraus resultierenden Wettbewerbsvorteil nicht künstlich zurückschrauben könne und anderseits Länder wie Frankreich eben mehr daran arbeiten müssten, ähnlich erfolgreich ihre Wirtschaft zu strukturieren, wie es Deutschland in der Vergangenheit gemacht hätte. Wirtschaftlich erfolglose Staaten müssten zudem aus der Eurozone zwangsweise ausgeschlossen werden, forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Die Leistungselite Deutschlands ist ein Vorbild für ganz Europa
Wäre die selbsternannte deutsche Elite ein Vorbild für Europa, dann müsste man nicht nur an dem Sachverstand der Ökonomen anderer Mitgliedstaaten der EU zweifeln sondern zugleich um die Stabilität und Zukunft Europas weit mehr bangen, als es bereits jetzt der Fall ist. Denn die Argumentation deutscher Politiker und Ökonomen, andere Mitgliedstaaten müssen die Sozial- und Wirtschaftspolitik an die deutschen Verhältnisse anpassen, enthält bereits einen augenscheinlichen Denkfehler.
Der Erfolg der exportorientierten Wirtschaftspolitik Deutschlands beruht in erster Linie darauf, dass die Lohnstückkosten auf ein Minimum reduziert wurden und weiter sinken sollen. Die Strangulierung der Binnennachfrage ist ein wesentlicher Aspekt dieser Politik. Als Kennzahl für die Entwicklung der Lohnkosten werden die Lohnquote sowie die Lohnstückkosten herangezogen, die mit den Daten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ermittelt werden. Die Lohnstückkosten ergeben sich aus dem Quotient des Arbeitnehmerentgeltes und des Bruttoinlandsproduktes und stellen somit dar, welcher Teil der gesamten Produktion eines Landes an die Arbeitnehmer weiter gegeben wird bzw. wie hoch die Produktionskosten im Bereich der Arbeitnehmerentgelte durchschnittlich sind. Diese Zahl eignet sich daher, die Personalkosten mit anderen europäischen Ländern zu vergleichen. Der Durchschnitt der Lohnstückkosten in der EU der 27 lag in den Jahren 2005 – 2010 bei 2,0%. Dabei lag Deutschland unschlagbar bei 0,7%, einem Schnitt, den kein anderes EU Land realisieren konnte.
Die Folge der Strangulierung der Binnennachfrage ist natürlich, dass weniger Produkte importiert werden, da die Nachfrage entsprechend der Einkommen der Haushalte geringer ist, als in anderen EU Staaten. Oder anders gesagt ist es für ein französisches Unternehmen schwieriger, bestimmte Waren am deutschen Markt abzusetzen, als für einen deutschen Unternehmer, seine Produkte nach Frankreich zu exportieren, da dort insgesamt mehr Waren nachgefragt werden als in Deutschland. Kurzum kann man diese Art der Wirtschaftspolitik als jene der Schnorrer, Halsabschneider und Vorteilnehmer bezeichnen, wenn Unternehmensgewinne und Leistungsbilanzüberschüsse auf Kosten der Arbeitnehmer realisiert werden.
Wenn das Volk kein Brot hat, dann muss es eben mehr Kuchen essen
Ähnlich sinnvoll, wie die Überschrift dieses Absatzes ist die Argumentation, das deutsche Wirtschaftsmodell solle Vorbild für Europa werden. Deutschland exportiert über 50% seiner Waren innerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes. Knapp 10% des gesamten Exportaufkommens realisiert Frankreich für uns. Würden diese Länder ihre Nachfrage ebenso drosseln wie Deutschland, dann würden dementsprechend weniger Waren in diese Länder exportiert. Dies würde der deutschen Wirtschaft einen massiven Schaden zufügen.
Zudem haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass Billiglöhne und Steuererleichterungen für Unternehmen zu rückläufigen Investitionen in Deutschland geführt haben. Dies schadet langfristig der Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf innovative Produkte, wie wir bereits am Beispiel der Entwicklung der Hybridmotoren und des Internets erkennen können. Die Subventionierung von technischen Entwicklungen in vielen Bereichen trägt zudem dazu bei, dass die Verantwortung der Finanzierung und Teile des eigentlichen unternehmerischen Risikos an die Allgemeinheit abgetreten werden, während die Gewinne institutionalisiert werden. Dies sorgt für eine Destabilisierung Deutschlands, da die hieraus entstehenden gesellschaftlichen Ungleichgewichte zu einer steigenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung führen.
Ein intelligenter Weg wäre gewesen, zu erkennen, dass die Stärkung der Binnennachfrage in Deutschland nach den letzten Jahren ein wichtiger Schritt für eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft wäre. Urteile zu Hartz IV sollten der Bundesregierung als Chance dienen, vergangene Fehler zu erkennen und eine Trendwende von kurzfristig gedachter Wirtschaftspolitik hin zu nachhaltigem Wirtschaften einzuleiten. Ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn würde zudem die in einem der reichsten Länder der Welt stattfindende, moralisch nicht zu vertretende Ausbeutung von Arbeitnehmern verhindern. Eine Verschärfung der Anti-Korruptionsgesetzgebung, insbesondere für Staatsbedienstete, könnte in dem laut OECD korruptesten Land der Welt, den deutschen Lobbyismus in erträglichere Bahnen leiten und der Politik wieder mehr Spielraum geben. Dies würde die Außenbeziehungen stärken sowie für mehr Chancengleichheit und gerechteren Wettbewerb in Europa und auf der Welt zu sorgen.
Das Europa nach deutschem Vorbild würde ein Europa, von dem sich die Völker abwenden. Die neue deutsche Arroganz gefährdet die Europäische Union und somit die Chance auf langfristigen Frieden, auch vor unserer eigenen Haustür.